Freitagabend in Büchenwerra. Noch wird nicht gepaddelt.
Stattdessen rollen neun Menschen, drei Tandem-Canadier, drei Kajaks und eine erstaunliche Menge Gepäck auf dem Campingplatz ein. Zelte werden aufgebaut, Taschen umsortiert und irgendwann ist aus der Anreise ein Wochenende geworden.
Die Fulda liegt direkt nebenan. Morgen müssen all die Dinge, die jetzt noch großzügig über Autos und Campingplatz verteilt sind, in sechs Boote passen. Sie werden passen. Irgendwie.
Samstag: Büchenwerra – Kassel
Am nächsten Morgen beginnt die eigentliche Reise. Die Autos bleiben zurück, die Boote werden beladen. Schlafsäcke, Zelte, Kocher, Lebensmittel, Wechselklamotten und eine Gitarre verschwinden in Packsäcken, unter Sitzen und in Gepäckluken. Drei Tandem-Canadier und drei Kajaks schieben sich vom Ufer.
Vor uns liegen rund 23 Kilometer Fulda bis Kassel.
Der Fluss macht es uns zunächst leicht. Zwischen bewachsenen Ufern zieht er in weiten Kurven dahin. Die Sonne steht über dem Tal, das Schilf leuchtet spätsommerlich, und bald hat jeder seinen Platz gefunden. Mal fahren die sechs Boote zusammen, mal zieht sich die Gruppe weit auseinander.
Gespräche wandern dabei von Boot zu Boot. Ein Satz beginnt im Canadier und wird eine halbe Stunde später neben einem Kajak weitergeführt. Dann paddelt man wieder eine Weile schweigend.
Ein blauer Strich schießt dicht über das Wasser.
Eisvogel.
Später noch einer.
Eine Schleuse zum Selbermachen
In Guxhagen wartet die erste technische Unterbrechung. Die alte Schleuse stammt in ihren Ursprüngen aus einer Zeit, als die Fulda tatsächlich noch als Transportweg ausgebaut wurde. Heute wird hier nicht auf einen Schleusenwärter gewartet. Handarbeit ist gefragt. Also anlegen, aussteigen, bedienen. Während drei von uns an der Mechanik stehen, bleibt der Rest samt Booten unten auf dem Wasser. Ein kleines Ritual, das die Geschwindigkeit einer Gepäcktour ziemlich gut beschreibt: Wir haben ein Ziel, aber offenbar keinen Grund, möglichst schnell dort anzukommen.
Hinter Guxhagen wird die Fulda wieder zum Reisegefährten. Am Ufer finden wir die Arbeit eines anderen Flussbewohners. Ein Stamm trägt deutliche Zahnspuren.
Biberbiss.
Den Baumeister selbst bekommen wir nicht zu Gesicht. Seine Visitenkarte reicht fürs Erste.
Nur der Wind beschließt zeitweise, dass uns die Sache etwas zu gemütlich wird. Wo er freie Bahn über dem Wasser bekommt, greift er in die hohen Seiten der beladenen Canadier. Aus Plaudern wird Paddeln. Aus gemütlichen Schlägen werden kräftige. Hinter der nächsten geschützten Kurve ist der Spuk wieder vorbei.
Der kleinste Güterzug Hessens
An der Neuen Mühle südlich von Kassel ist endgültig Schluss mit Paddeln. Vor uns liegt das Wehr. Die alte Schleuse ist keine Option mehr. Dafür wartet am rechten Ufer eine jener Einrichtungen, wegen der man Wasserwanderkarten gelegentlich für einen Scherz hält: eine kleine Lorenbahn. Boote aus dem Wasser, Gepäck möglichst drinlassen und ab auf den Wagen. Ein Canadier unten, ein Kajak darauf. Was eben noch eine Paddelgruppe war, betreibt plötzlich Güterverkehr. Gemeinsam schieben wir unser ziemlich eigenwilliges Gespann auf Schienen am Wehr vorbei. Ein paar Minuten später schwimmen die Boote wieder.
Solche Stellen sind vielleicht der Grund, warum eine Gepäcktour etwas anderes ist als einfach nur eine längere Tagestour. Man fährt nicht bloß einen Fluss hinunter. Man löst unterwegs kleine Probleme. Und meistens machen gerade die hinterher die besseren Geschichten.
Am späten Nachmittag verändert sich die Landschaft. Die Fulda wird städtischer, Brücken kündigen Kassel an. Schließlich erreichen wir den Kanu-Sport Kassel. Dass wir hier überhaupt unsere zweite Nacht verbringen können, war keineswegs lange geplant. Umso größer ist die Freude über die unkomplizierte Reaktion des Vereins.
Neun Menschen, sechs Boote, Gepäck und Zelte?
Klar. Kommt rein.
Dafür gebührt dem KSK ein ganz besonderer Dank. Solche spontane Gastfreundschaft ist eine jener Seiten des Kanusports, über die viel zu selten geschrieben wird.
Wenn die Kocher fauchen
An Land beginnt der zweite Teil des Tages. Die kleinen Zelte stehen bald auf der Wiese. Aus Packsäcken kommen Töpfe und Kocher. Einer hat dies, eine andere jenes. Es wird geschnippelt, weitergereicht, probiert und gemeinsam gekocht. Was tagsüber der Paddelschlag ist, wird abends das Fauchen der Campingkocher.
Und irgendwann kommt die Gitarre heraus. Es wird gespielt und gesungen. Nicht besonders feierlich und ganz sicher nicht für ein Publikum. Einfach, weil neun Menschen zusammensitzen, ein Tag auf dem Wasser hinter ihnen liegt und eine Gitarre mitgefahren ist.
Dazwischen Gespräche. Über die Tour. Über Boote. Über Dinge, die mit beidem überhaupt nichts zu tun haben. Kleine Zelte, große Träume. Irgendwann verschwinden wir darin.
Sonntag: Kassel – Hann. Münden
Am Morgen ist die Ordnung der Dinge bereits klar. Jeder Packsack kennt inzwischen sein Boot. Kocher, Schlafsäcke und Zelte verschwinden fast ohne Diskussion an ihren Plätzen. Sechs beladene Boote liegen wieder auf der Fulda. Bis zum Mündener Kanuclub sind es noch gut 26 Kilometer. Und dieser zweite Abschnitt hat einen ganz anderen Charakter.
Kaum haben wir beim KSK eingebootet, ist mit Paddeln allerdings schon wieder Schluss. Die Kasseler Stadtschleuse liegt praktisch vor der Haustür – und ist mal wieder außer Betrieb. Statt gemütlich in der Schleusenkammer ein Stockwerk tiefer zu fahren, heißt es also: anlegen, aussteigen, Gepäck und Boote bewegen.
Die erste Portage des Tages beginnt, bevor der Tag auf dem Wasser überhaupt richtig begonnen hat.
Also sechs Boote raus, vorbei an der Schleuse und unterhalb wieder einsetzen. Eine jener Situationen, bei denen ein unbeladenes Kajak plötzlich deutlich attraktiver wirkt als ein vollgepackter Tandem-Canadier.
Dann endlich kann der Sonntag tatsächlich anfangen. Hinter Kassel wird es wieder grüner. Die Stadt bleibt zurück, das Fuldatal wird enger. Wald reicht an die Hänge, Weiden stehen am Wasser. Wieder begleiten uns Eisvögel. Wieder gibt es lange Passagen, in denen außer Paddelschlägen und Gesprächen nicht viel passiert. Was vollkommen genügt.
Acht Meter tiefer
Dann kommt Wahnhausen. Die Staustufe ist eine andere Größenordnung als alles zuvor. Rund achteinhalb Meter Höhenunterschied überwindet die Schleuse hier. Vom Canadier aus wirken die Betonwände noch höher. Tore zu. Knopf drücken. Warten.
Das Wasser fällt und mit ihm sechs kleine Boote in einer ziemlich großen Kammer. Danach öffnet sich das Tor und wir paddeln weiter, als sei es das Normalste der Welt, mit einem Canadier gerade einmal acht Meter tiefer gefahren zu sein.
Es folgen wieder Kilometer auf dem Fluss. Zeitweise meldet sich der Wind zurück. Die beladenen Canadier reagieren darauf zuverlässiger als jeder Wetterbericht. Aber inzwischen ist der Rhythmus da. Paddeln. Reden. Schweigen. Weiterpaddeln. Und dann kommt Wilhelmshausen.
Pommes
Es gibt Pausen, die der Regeneration dienen.
Es gibt Pausen, die landschaftlich besonders reizvoll sind.
Und es gibt Pommes in Wilhelmshausen.
Nach etlichen Kilometern im Boot verlieren Fragen nach ausgewogener Sporternährung erheblich an Bedeutung. Heiß, salzig, fettig – viel mehr muss an dieser Stelle über die Qualität der Verpflegung nicht gesagt werden.
Danach wartet unmittelbar die nächste Schleuse. Wilhelmshausen bringt uns noch einmal ein gutes Stück hinunter, wenige Kilometer später folgt Bonaforth. Die Fulda nähert sich nun ihrem Ende. Nicht unserer Fulda. Der Fulda überhaupt.
Noch ein paar Schläge
Hann. Münden kommt näher. Nach fast fünfzig Flusskilometern sind die Bewegungen längst automatisiert. Das Paddel greift ins Wasser, zieht am Boot vorbei, kommt wieder nach vorn.
Noch einmal ein Gespräch von Boot zu Boot. Noch einmal Sonne zwischen den Bäumen. Vielleicht noch einmal dieser blaue Blitz eines Eisvogels. Dann taucht am linken Ufer unser Ziel auf: der Mündener Kanuclub. Hier ist Schluss.
Noch bevor die Fulda wenige hundert Meter weiter an der berühmtesten Flusshochzeit Deutschlands gemeinsam mit der Werra zur Weser wird, holen wir unsere Boote aus dem Wasser.
Die letzte Schleuse in Hann. Münden brauchen wir nicht mehr. Packsäcke an Land. Schwimmwesten auf. Boote leer. Plötzlich stehen die sechs Boote wieder auf dem Trockenen. Und damit fehlt etwas. Der nächste Paddelschlag.
Seit Samstagmorgen war die Antwort auf fast jede Frage dieselbe gewesen: einpacken, einsteigen, weiterfahren.
Zurück bleiben knapp fünfzig Kilometer Fulda. Drei Tandem-Canadier und drei Kajaks. Schleusen, Wehre und eine kleine Eisenbahn für Boote. Eisvögel und die Zahnspuren eines Bibers. Sonne und Wind. Pommes in Wilhelmshausen. Campingkocher im Gras. Gitarrenmusik am Abend. Lieder und Gespräche, die an Land begannen und auf dem Wasser weitergingen – oder andersherum.
Und neun Menschen, die für ein Wochenende alles dabeihatten, was sie brauchten.
Es passte schließlich in sechs Boote.
Kleine Zelte, große Träume.
Die Strecke
| Tag | Strecke | Distanz | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Freitag | Anreise Büchenwerra | – | Campingplatz, gemeinsamer Start ins Wochenende |
| Samstag | Büchenwerra – Kassel | ca. 23 km | Handschleuse Guxhagen, Neue Mühle mit Lorenbahn und Bootswagen |
| Sonntag | Kassel – Mündener KC | ca. 26 km | Portage Stadtschleuse Kassel, Schleusen Wahnhausen, Wilhelmshausen und Bonaforth |
| Gesamt | ca. 49 km | Gepäcktour auf der Fulda |















